BUCH DER FREUNDE XXXII

Der Rationalismus, der sich heute in einer Sackgasse befindet, kämpft verzweifelt mit allen irgend erdenkbaren Mitteln gegen das Heraufkommen des neuen Bewusstseins an. Er hofft, sich dadurch zu retten. Sollte das nicht gelingen, was anzunehmen ist, so ist er willens, alles in seinen eigenen Untergang mitzureißen. Beispiele dafür haben wir ja schon erlebt. Die Ansätze dafür sind bereits vorhanden. Dies sind die offenen Möglichkeiten zum endgültigen Verlust des Offenen: unseres geistigen Ursprungs. Hölderlin, als er das einzigartige Wort von der „Innerheit der Welt“ in einem seiner Gedichte aus der Spätzeit, „Aussicht“, prägte, ahnte mit seiner Feststellung diese Möglichkeit voraus: Oft scheint die Innerheit der Welt verschlossen / Des Menschen Sinn von Zweifeln voll, verdrossen…
Unmenschlicher Eigennutz, um nur ein einziges Beispiel zu nennen, hat bereits die Verpestung der wichtigsten Elemente des Lebens, die der Luft, des Wassers und des Bodens mit sich gebracht. Die kommenden Generationen werden uns wegen dieser von uns eingeleiteten Evolution nach unten verfluchen. Bekämpfen also (und damit handgemein mit ihnen werden) können wir diese zerstörerischen Mächte nicht. Nehmen wir den Kampf gegen diese Art bezweckter Evolution an, so stärken wir sie. Aber wir können versuchen, durch unsere innerste Sicherheit und die Gewissheit unserer Teilhabe am geistig geprägten Unsichtbaren bremsend und damit hindernd zu wirken. Es ist tragisch genug, dass die Mehrheit der Menschheit immer nur durch Katastrophen belehrt werden konnte. Diese müssen anscheinend noch grauenhafterer Art sein als es die beiden letzten Kriege waren, denn diese Weltkriege haben nicht das bewirkt, was sie, wie man meinen sollte, hätten bewirken sollen. So gesehen, ist die Aktivität derer, die eine bereits verlorene Position mit allen Mitteln der Macht nicht nur zu halten, sondern auszubauen versuchen, die tragische Herausforderung, die notwendig ist, um dem neuen Bewusstsein, das wahrscheinlich der einzige Bürge für den Weiterbestand der Menschheit ist, zum Durchbruch zu verhelfen.
Jean Gebser, Der unsichtbare Ursprung, 1970


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