BUCH DER FREUNDE XXV

„Jeden Menschen als eine Flasche zu sehen, in der ein Geist wohnt. Die Flaschen bewegen, begegnen, berühren sich, stoßen aneinander, je nachdem, wie sie von innen regellos umhergetrieben werden.
Kunst, sich in der Flasche zu bewegen: wie die Lehre eines Handwerks. Sie in ein Instrument, ein Werkzeug, einen Blindenstock zu verwandeln.“
Simone Weil, Aufzeichnungen aus den Jahren 1940/1942

 

BUCH DER FREUNDE XXIV

„Alles wirklich Gesehene ist schön.“
Constantin Brancusi

 

DIE GELASSENHEIT

Michael Andreae, Illustration zu Jacob Böhme,
„Von der wahren Gelassenheit“,
Amsterdam 1682

 

BUCH DER FREUNDE XXIII

Kein Wesen kann zu Nichts zerfallen!
Das Ewige regt sich fort in allen,
Am Sein erhalte dich beglückt!
Das Sein ist ewig, denn Gesetze
Bewahren die lebendigen Schätze,
Aus welchen sich das All geschmückt.
Das Wahre war schon längst gefunden,
hat edle Geisterschaft verbunden,
das alte Wahre, fass es an!
Johann Wolfgang Goethe, Vermächtnis, 1828

 

BUCH DER FREUNDE XXII

Es gibt keinen besseren Weg als die Erleuchtung.
Zhuangzi, Das wahre Buch vom Südlichen Blütenland, II, 4,  ~ 300 v. Chr.

 

BUCH DER FREUNDE XXI

„Es heißt, dass alle Wesen die Buddha-Natur besitzen. Wie kommt es, dass sie es nicht wissen?“
„Sie wissen es.“
Zen, anonym

 

BUCH DER FREUNDE XX

Als irdische Wesen streben wir nach geistiger Ausbildung – nach Geist überhaupt.
Als außerirdische, geistige Wesen, nach irdischer Ausbildung – nach Körper überhaupt.
Nur durch Sittlichkeit gelangen wir beide zu unseren Zwecken. Ein Dämon, der erscheinen kann –
w i r k l i c h  erscheinen – muss ein guter Geist sein. So wie der Mensch (der wirklich Wunder tun kann) – der wirklich mit den Geistern Umgang pflegen kann. Ein Mensch der Geist wird – ist zugleich ein Geist, der Körper wird. Diese höhere Art von Tod, wenn ich mich so ausdrücken darf, hat mit dem gemeinen Tode nichts zu schaffen – es wird etwas sein, was wir Verklärung nennen können.
Der jüngste Tag wird kein einzelner Tag, sondern nichts, als diejenige Periode sein – die man auch das tausendjährige Reich nennt.
Jeder Mensch kann seinen jüngsten Tag durch Sittlichkeit herbeirufen. Unter uns währt das tausendjährige Reich beständig. Die besten unter uns, die schon zu Lebzeiten zu der Geisterwelt gelangten – sterben nur scheinbar – sie lassen sich nur scheinbar sterben – so erscheinen auch die guten Geister, die bis zur Gemeinschaft mit der Körperwelt ihrerseits gelangten, nicht, um uns nicht zu stören. Wer hier nicht zur Vollendung gelangt, gelangt vielleicht drüben – oder muss eine abermalige irdische Laufbahn beginnen.
Sollte es nicht auch drüben einen Tod geben, dessen Resultat irdische Geburt wäre.
Friedrich von Hardenberg/Novalis, Naturwissenschaftliche Studien, 1798 – 1799

 

BUCH DER FREUNDE XIX

Das Herz ist herrlicher, weiter, feiner und strahlender als der Himmel und als die kreisenden Sphären.
Warum zurrst du es also zusammen mit deinen Gedanken und deinen flüsternden Zweifeln?
Welchen Grund hast du, aus der freundlichen Welt ein enges Gefängnis zu machen?
Wie kannst du diesen Welt-Garten nur zum Gefängnis machen?
Wie eine Raupe webst du ein Netz aus Gedanken, flüsternden Zweifeln und verantwortungslosen Ideen rund um dein Ego herum.
Dann wirst du zu seinem Gefangenen und erstickst.
Was mich betrifft, ich habe einen Garten aus diesem Gefängnis gemacht.
Wenn also schon mein Gefängnis ein Garten ist, rate mal, wie herrlich mein wirklicher Garten ist!
Shams von Täbriz, der geistige Lehrer und Geliebte Dschelal ed-Din Rumis, ca. 1250

 

BUCH DER FREUNDE XVIII

Das Höchste, was wir von Gott und der Natur erhalten haben, ist das Leben, die rotierende Bewegung der Monas um sich selbst, welche weder Rast noch Ruhe kennt; der Trieb, das Leben zu hegen und zu pflegen, ist einem jeden unverwüstlich eingeboren, die Eigentümlichkeit desselben jedoch bleibt uns und anderen ein Geheimnis.

Die zweite Gunst der von oben wirkenden Wesen ist das Erlebte, das Gewahrwerden, das Eingreifen der lebendig-beweglichen Monas in die Umgebungen der Außenwelt, wodurch sie sich erst selbst als innerlich Grenzenloses, als äußerlich Begrenztes gewahr wird. Über dieses Erlebte können wir, obgleich Anlage, Aufmerksamkeit und Glück dazugehört, in uns selbst klar werden; andern bleibt aber auch dieses immer ein Geheimnis.
Goethe, Aus den Heften zur Morphologie, Ersten Bandes viertes Heft, 1822

 

BUCH DER FREUNDE XVII

In meinen eigenen Kräften bin ich so ein blinder Mensch als irgend einer ist, und vermag nichtes; aber im Geiste GOttes siehet mein ingeborner Geist durch Alles, aber nicht immerdar beharrlich; sondern wenn der Geist der Liebe GOttes durch meinen Geist durchbricht, alsdann ist die animalische (seelische) Geburt und die Gottheit ein Wesen, eine Begreiflichkeit und ein Licht.
Nicht bin allein Ich also; sondern es sind alle Menschen also, es seyn gleich Christen, Juden, Türcken oder Heiden, in welchem die Liebe und Sanftmuth ist, in dem ist auch GOttes Licht.
Woltest du sagen: nein? Es leben die Türcken, Juden und Heiden ja auch in demselben Corpus, darinnen du lebest, und brauchen auch desselben Leibes Kraft, die du brauchest, darzu haben sie auch denselben Leib, den du hast, und derselbe GOtt, der dein GOtt ist, ist auch ihr GOtt.
Jacob Böhme, Morgenröte im Aufgang, 22, 51-53, 1612

 

BUCH DER FREUNDE XVI

Ohne die Wonne
Rabbi Schlomo von Karlin sprach: Wer alle Gebote der Thora erfüllte, aber den Brand der heiligen Wonne hat er dabei nicht verspürt, wenn der in jene Welt kommt, öffnet man ihm zwar das Paradies; weil er aber auf dieser Welt den Brand der Wonne nicht verspürt hat, verspürt er auch die Wonne des Paradieses nicht. Ist er nun ein Narr und beschwert sich und brummt: ‚Und da machen sie so viel Wesens aus dem Paradies!‘, schon ist er hinausgeschmissen. Hat er aber Einsicht, dann wandert er selber hinaus und zum Zaddik, und der lehrt die arme Seele die Wonne verspüren.“
Martin Buber, Die Erzählungen der Chassidim, 1949

 

BUCH DER FREUNDE XV

Gebet für die Grosse Familie
Dankbarkeit der Mutter Erde, segelnd durch den Tag und durch die Nacht –
und ihrem Boden: reich, kostbar und süss
so möge es sein in unserem Geist.

Dankbarkeit den Pflanzen, dem sonnenschauenden lichtverwandelnden Blatt
und den feinen Wurzelhaaren; still stehend in Wind und Regen;
ihr Tanz ist im fliessenden spiraligen Samen
so möge es sein in unserem Geist.

Dankbarkeit der Luft, die die segelnde Schwalbe trägt
und die schweigende Eule zur Dämmerung. Atem unseres Liedes,
klarer Atem des Geistes
so möge es sein in unserem Geist.

Dankbarkeit den wilden Wesen, unseren Brüdern, die Geheimnisse lehren
und Freiheiten und Wege; die ihre Milch mit uns teilen;
selbstgenügsam, tapfer und wach.
so möge es sein in unserem Geist.

Dankbarkeit dem Wasser: Wolken, Seen, Flüsse, Gletscher;
sammelnd oder verströmend; fliessend durch alle salzigen Meere
unserer Körper
so möge es sein in unserem Geist.

Dankbarkeit der Sonne: blendendes pulsierendes Licht
durch die Stämme der Bäume, durch Nebel, wärmend die Höhlen
des Schlafes der Bären und Schlangen – sie, die uns erweckt –
so möge es sein in unserem Geist.

Dankbarkeit dem Grossen Himmel
der Milliarden Sterne trägt – und weit darüber hinausgeht –
über alle Mächte, alle Gedanken
und der doch in uns ist –
Grossvater Raum.
Die Seele ist sein Weib.
so möge es sein.
Gary Snyder, Schildkröteninsel, 1974

 

BUCH DER FREUNDE XIV

Die Sufis sagen, dass fast jeder Mensch mit der Möglichkeit zur inneren Entwicklung geboren wird, doch dass seine Eltern und seine Umgebung ihn zu einem Juden, einem Christen, einem Hindu oder einem Magier machen und dass er schon bald Vorurteile erwirbt und ungeachtet seiner eigenen Erfahrungen und Überlegungen das akzeptiert, was die anderen sagen. Das wird sein Hindernis. Wenn ein „Gläubiger“ – einer, der an sich gearbeitet hat – stirbt, geht seine Seele in jenen Himmel ein, der dem Zustand der Vollkommenheit entspricht, den sie erlangt hat. Doch gleichgültig, über wieviel „Wissen“ ein Mensch verfügt – solange er sich nicht gewissenhaft geprüft und sich eingestanden hat, dass er in Wirklichkeit gar nichts  weiss, ist alles, was er erworben hat, nichts weiter als „der Wind in seiner Hand“.
C.S. Nott, Nachwort zu Farid Ud-Din Attars „The Conference of the Birds“, 1954

 

BUCH DER FREUNDE XIII

„Wenn alle Menschen eine Seele hätten,
wäre die Erde seit langem kein Ort mehr
für giftige Pflanzen und bösartige Tiere.
Und selbst das Böse hätte aufgehört zu existieren.“
Iranisches Volkslied

 

BUCH DER FREUNDE XII

„Daseins-Pflicht bedeutet Pflicht in drei Ebenen und gleichzeitig bewusste Anstrengung und freiwilliges Leiden. Es ist die intellektuelle Pflicht, sich um die Erkenntnis der Bedeutung und des Ziels der Existenz zu bemühen, die emotionale Pflicht, die Last der Erhaltung aller Lebewesen zu fühlen, und die physische Pflicht, den planetarischen Körper zum Diener Ihres Zieles zu machen. Es ist mir noch nie gelungen, Ihnen das Gefühl der Schuld nahezubringen, die jeder von uns trägt, weil er inkarniert worden ist. Alles, was wir „natürlich“ nennen, ist geschaffen von Wesen, die über uns stehen, zur Verfügung gestellt mit grossen Kosten, damit wir Erfahrungen machen können. Existenz – die Teilnahme an den Erfahrungen der Inkarnation – kostet jemanden etwas. Diese Verpflichtung zu fühlen, bedeutet, zu verstehen, was „für die eigene Existenz bezahlen“ bedeutet. Sie nicht zu fühlen, ist ein Zeichen von Abnormalität und der Unfähigkeit, auch nur den geringsten Begriff von Gerechtigkeit zu entwickeln. Wir messen dem Leben einen unermesslichen Wert bei, einem langen und glücklichen Leben, vor allem aber einem langen. Die Verpflichtung, die aus unserem Leben hervorgeht, ist nicht etwas, das ein Mensch fühlen sollte, sondern etwas, das von einem normalen Menschen gefühlt wird.
G. I. Gurdjieffs Verständnis von Daseins-Pflicht, erläutert von A. R. Orage; in: C. S. Nott, Teachings of Gurdjieff, 1961

 

DAS SCHWARZE QUADRAT

SQ3

Kazimir Maleviç, Schwarzes Quadrat, 1915

 

BUCH DER FREUNDE XI

Ich werde dem nicht dienen, an das ich nicht länger glaube, ob es sich Heimat, Vaterland oder Kirche nennt: und ich werde versuchen, mich in irgendeiner Art des Lebens oder der Kunst auszudrücken, so frei ich kann und so vollständig ich kann, und zu meiner Verteidigung nur die Waffen gebrauchen, die zu gebrauchen ich mir selbst gestatte: Schweigen, Verbannung, List.
Ich habe keine Angst vor der Einsamkeit, keine Angst, um eines anderen willen verschmäht zu werden, keine Angst davor, aufzugeben, was ich aufgeben muss. Und ich habe keine Angst, einen Fehler zu begehen, selbst einen grossen Fehler, auch wenn er mein ganzes Leben oder die Ewigkeit hindurch dauert.
Willkommen, o Leben! Ich gehe, um zum millionsten Mal der Wirklichkeit der Erfahrung zu begegnen und in der Schmiede meiner Seele das unerschaffene Gewissen meiner Mitmenschen zu formen.
Alter Vater, alter Baumeister, steh mir bei, jetzt und immerdar.
James Joyce, Portrait des Künstlers als junger Mann, 1920

 

MORGENRÖTE IM AUFGANG

Aurora
Michael Andreae, Detail des Titelkupfers zu Jacob Böhme,
„Aurora oder Morgenröte im Aufgang“,
Amsterdam 1682

 

BUCH DER FREUNDE X

Gott selber kann Geschehenes nicht ungeschehen machen.
Was wäre ein besserer Beweis dafür,
dass die Schöpfung Abdankung ist?
Was wäre eine grösse Abdankung Gottes als die Zeit?
Wir sind Verlassene in der Zeit.
Gott ist nicht in der Zeit.
Gott hat sich seiner Gottheit entleert
und hat uns mit einer falschen Göttlichkeit erfüllt.
Entleeren wir uns ihrer!
Auf diesen Akt ist der Akt, der uns geschaffen hat, gerichtet.
In diesem Augenblick erhält Gott mich durch seinen Schöpferwillen im Dasein,
damit ich darauf verzichte.
Gott wartet geduldig, dass ich endlich einwillige, ihn zu lieben.
Gott wartet wie ein Bettler, der reglos und schweigend vor jemand steht,
der ihm vielleicht ein Stück Brot geben wird.
Die Zeit ist dieses Warten.
Die Zeit ist das Warten Gottes, der um unsere Liebe bettelt.
Die Gestirne, die Berge, das Meer, alles, was von der Zeit zu uns spricht,
bringt uns Gottes flehentliche Bitte.
Die Demut in der Erwartung macht uns Gott ähnlich.
Gott ist nur das Gute.
Darum steht er da und wartet, schweigend.
Die schamhaften Bettler sind Seine Bilder.
Die Demut ist ein gewisses Verhältnis der Seele zur Zeit.
Sie ist Hinnahme des Wartens.
Gott hat uns in die Zeit hinein verlassen.
Gott und die Menschheit sind wie ein Liebender und eine Geliebte,
die einem Irrtum über den Ort des Stelldicheins erlegen sind.
Jeder hat sich vor der Zeit eingefunden,
doch jeder an einer anderen Stelle,
und sie warten, warten, warten.
Unbeweglich steht der Liebende da, festgenagelt für alle Zeiten.
Die Liebende ist zerstreut und ungeduldig.
Wehe ihr, wenn sie genug hat und davongeht!
Denn die beiden Punkte, an denen sie sich befinden,
sind derselbe Punkt in der vierten Dimension.
Wir haben unser Ich in der Zeit.
Betrachtet man den angenehmen oder schmerzhaften Inhalt jeder Minute
(selbst jener, wo wir sündigen) als eine besondere Liebkosung Gottes,
wodurch dann trennt die Zeit uns von dem Himmel?
Die Verlassenheit, in der Gott uns lässt,
ist seine besondere Art und Weise, uns zu liebkosen.
Die Zeit, die unser einziges Elend ist,
ist selber die Berührung seiner Hand.
Sie ist die Abdankung, kraft derer wir ihm das Dasein verdanken.
Er hält sich fern von uns, denn wenn er sich näherte,
Er machte uns verschwinden.
Er wartet, dass wir uns ihm nähern und verschwinden.
Simone Weil, Cahiers, Heft 15, 1942

 

BUCH DER FREUNDE IX

Ich trage in meinem Wissen nicht erst Buchstaben zusammen aus vielen Büchern, sondern ich habe den Buchstaben in mir. Liegt doch Himmel und Erde mit allen Wesen, darzu Gott selber, im Menschen: soll er denn in dem Buche nicht lesen dürfen, das er selber ist?
Wenn ich gleich kein ander Buch hätte, als nur mein Buch, das ich selber bin, so hab ich Bücher genug. Liegt doch die ganze Bibel in mir. So ich Christi Geist habe, was (be)darf ich denn mehr Bücher? Soll ich wider das zancken, das ausser mir ist, ehe ich lerne kennen, was in mir ist?
So ich mich selber lese, so lese ich in Gottes Buch, und ihr, meine lieben Brüder, seyd alle meine Buchstaben, die ich in mir lese. Denn mein Gemüth und Wille findet euch in mir; ich wünsche von Herzen, dass ihr mich auch findet.
Jacob Böhme, Zweyte Schutz-Schrift wieder Balth. Tilken, 297 – 299, 1621

 

BUCH DER FREUNDE VIII

Kunst bedeutet nicht Licht zu bringen, sondern Licht zu sein. Wie könnte der Engel unter den Dingen der Welt unwirklich sein!  Wenn ihr nichts verherrlichen könnt, haltet den Mund um Gottes willen haltet den Mund!
Durch Äusserlichkeiten geschieht nichts. Welch ein wundervolles und schönes Unterfangen, ein Mensch zu sein!
Da habt ihr euer Geheimnis.
Liebt die Kunst und das Schöne oder zum Teufel mit euch.
Das Billige der Dinge weise ich zurück. In Gott zu sein, das ist mein Wesen, ob es euch passt oder nicht. Ich werde dich weiter besingen, wie immer das Urteil ausfallen mag.
Lest diese Worte und es ist eine Tat bei Gott ich setze diese Worte denn dies alles passt in eine Form grösser als du oder ich oder sonst jemand.
Ich weiss nichts und muss nichts wissen um ein ganz winziges Weniges zum Lobe des Lebens zu vollbringen.
Hier setze ich jetzt zwanzig Worte her denn es fällt mir nichts anderes ein, was mir mehr Freude machen könnte. Ba de ba do ba dub de di. Dadurch ist etwas geschehen. Liebe ist gar nicht so kompliziert.
Kenneth Patchen, Schläfer erwacht, 1946

 

BUCH DER FREUNDE VII

Das himmlische Brot
Wir bedürfen des Brotes. Wir sind Wesen, die ihre Energie fortwährend von aussen hernehmen, denn in dem Maße, wie wir sie empfangen, verbrauchen wir sie in unseren Anstrengungen. Wird unsere Energie nicht täglich erneuert, werden wir kraftlos und unfähig, uns zu regen.
Ausser der eigentlichen Nahrung, im buchstäblichen Sinn des Wortes, sind alle Anreize Energiequellen für uns. Das Geld, die Beförderung, das Ansehen, die Auszeichnungen, die Berühmtheit, die Macht, die Wesen, die wir lieben, alles, was uns zum Handeln befähigt, ist wie Brot.
Dringt eine dieser Verhaftungen tief genug in uns ein, bis zu den Lebenswurzeln unserer fleischlichen Existenz, so kann die Entbehrung uns zerbrechen und sogar den Tod herbeiführen. Man nennt dies: vor Kummer sterben. Das gleicht dem Hungertod.
All diese Gegenstände der Verhaftung stellen, zusammen mit der eigentlichen Nahrung, unser irdisches Brot dar. Es hängt völlig von den Umständen ab, ob es uns gewährt wird oder versagt bleibt.
Und was die Umstände betrifft, sollen wir nichts erbitten, ausser dass sie dem Willen Gottes gemäss seien. Wir sollen das irdische Brot nicht erbitten.
Es gibt eine transzendente Energie, deren Quell im Himmel entspringt, die in uns einströmt, sobald wir es begehren. Dies ist wirklich unsere Energie; sie vollbringt Taten durch unsere Seele und unseren Leib.
Diese Nahrung sollen wir erbitten.
Simone Weil, Betrachtungen über das Vaterunser, 1941/42

 

DAS WUNDER AUGE DER EWIGKEIT

Kupferstich zu Jacob Böhme, „Viertzig Fragen von der Seelen“
Amsterdam
 1730.

 

BUCH DER FREUNDE VI

Lernt! – Sobald ihr alles wisst, vergesst – sachte, zärtlich, so wie man auf dem Kai denen Adieu sagt, die einem teuer sind, lasst die gelehrigen Seiten wie totes Blattwerk zurück, der Geschmack der Früchte bleibt in euch, vergesst mit Wonne, so wie man in einem benachbarten Tempel begangene Diebstähle vergisst, vergesst, wie man die Liebkosungen einer grossartigen Frau vergisst, um eine andere, zartere zu lieben, vergesst, so wie man eine erahnte Insel entdecken kann, vergesst, legt in euch selbst dort an, wo tote Blätter und vergangene Liebkosungen verstreut liegen werden, und begebt euch in die Kammern eures Geistes, weckt die Dame mit den Bildern, die eure Seele ist. Vervollkommnet euch, nicht um eurer selbst, sondern um der anderen willen. Genie ist Güte. Streift Altes ab, vergiesst eure Früchte, verstreut eure Küsse, und wenn man euch anspuckt, so antwortet mit dem ersten Lächeln eures Meisterwerkes, das von jeher auf eurem tiefsten Grunde brütet.
Saint-Pol-Roux, Der Schatz des Menschen, 1925

 

BUCH DER FREUNDE V

„Ja, ich mache Bilder und Plastiken, und zwar von jeher, seit ich zum ersten Mal gezeichnet oder gemalt habe, um die Wirklichkeit anzuprangern, um mich zu verteidigen, um mich zu ernähren, um stärker zu werden, auf dass ich mich besser verteidigen und besser angreifen kann, um einen Halt zu haben, um auf allen Gebieten und in allen Richtungen möglichst vorwärts zu kommen, um mich des Hungers, der Kälte, des Todes zu erwehren, um möglichst frei zu sein, frei für das Bestreben, mit den Mitteln, die mir heute als die geeignetsten erscheinen, meine Umgebung besser zu sehen und zu verstehen, damit ich in höchstem Maße freier bin: um meine Kräfte zu vergeuden, um mich mit dem, was ich schaffe, möglichst zu verausgaben, um Abenteuer zu erleben, um neue Welten zu entdecken, um einen Kampf zu führen – aus Vergnügen? aus Freude? – einen Kampf um des Vergnügens am Gewinnen und Verlieren willen.“
Alberto Giacometti, 1966

 

BUCH DER FREUNDE IV

„Seit die Kunst nicht mehr die Nahrung der Besten ist, kann der Künstler sein Talent für alle Wandlungen und Launen seiner Phantasie verwenden. Alle Wege stehen einer intellektuellen Scharlatanerie offen. Das Volk findet in der Kunst weder Trost noch Erhebung. Aber die Raffinierten, die Reichen, die Nichtstuer und Effekthascher suchen in ihr Neuheit, Seltsamkeit, Originalität, Verstiegenheit und Anstössigkeit. Seit dem Kubismus, ja, schon früher, habe ich alle diese Kritiker mit zahllosen Scherzen zufriedengestellt, die mir einfielen und die sie um so mehr bewunderten, je weniger sie ihnen verständlich waren. Durch diese Spielereien, diese Rätsel und Arabesken habe ich mich schnell berühmt gemacht. Und der Ruhm bedeutet für den Künstler: Verkauf, Vermögen, Reichtum. Ich bin heute nicht nur berühmt, ich bin auch reich. Wenn ich aber allein mit mir bin, kann ich mich nicht als Künstler betrachten im grossen Sinne des Wortes. Grosse Maler waren Giotto, Tizian, Rembrandt und Goya. Ich bin nur ein Spassmacher, der seine Zeit verstanden hat und alles, was er konnte, herausgeholt hat aus der Dummheit, der Lüsternheit und Eitelkeit seiner Zeitgenossen.“
Picasso am 2.5.1952, bei der Eröffnung einer Ausstellung seiner Bilder in Barcelona.

 

BUCH DER FREUNDE III

Das Anfangsherz
„Vergiss niemals das Anfangsherz!“
Wer werden will, muss kämpfen;
wer es zum Meister bringen will,
muss lernen, unermüdlich sich üben,
und wer ein Meister heisst,
der muss erst recht lernen, üben, ringen.
Anfangen müssen wir alle,
Tag um Tag, Jahr um Jahr,
Lebensepoche um Lebensepoche,
bis ins höchste Alter!
Vergiss Anfangen nicht!
Vergiss den Anfang nicht:
was du im Anfang hattest und was nicht,
im Können und im Nicht-Können.
Und so fahre fort!
Das ganze Leben hindurch!
Und so stehe du mitten im Sein!
Denn wer bist du denn?
„Vergiss den Anfang nicht.“
Vor dir war dein Geschlecht;
von Ahnen her bist du:
Vergiss jenen „Anfang“ nicht!
Du selber bist aber auch Anfang,
deine Zeit ist Anfang.
So sei es ganz!
Im ganzen Sein!
Dein Sein weitergebend!
So werden auch die nach dir,
von dir übernehmend,
wissen und verstehen,
Anfang zu sein.“
Zeami Motokiyo, „Blumenspiegel“, ca. 1425

 

CENTRUM NATURÆ

Kupferstich zu „Vom dreifachen Leben des Menschen“
aus der Amsterdamer Gesamtausgabe 
„Alle Göttliche Schriften Jacob Böhmens von 1730.

 

BUCH DER FREUNDE II

Alle Leben
Alle Leben
empfangen
einander
und sind
einander
gesandt
und sind
einander
Kraft
und sind
einander
Wunder
und sind
einander
unbekannt
und sind
einander
Bôteschaft
und sind
einander
Überkraft
und sind
einander
Ârbeit
und sind
einander
Streit.

Cut-up aus dem NIBELUNGENLIED,
1987

 

BUCH DER FREUNDE I

Wenn nicht mehr …
Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen,
Wenn die, so singen, oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freie Leben
Und in die Welt wird zurückbegeben,
Wenn sich dann wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit wieder gatten,
Und man in Märchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.

Novalis. Das Gedicht steht in den „Berliner Papieren“ mit Aufzeichnungen
zur Fortsetzung des Ofterdingen, die im Juli/August 1800 niedergeschrieben wurden.
Die Handschrift ist verloren.